Am heutigen Montag, dem 27.04., stand für die Schüler der Sportschule CJD Elze ein ganz besonderer Tag auf dem Programm. Ehemaliger Schüler und einer der erfolgreichsten deutschen Tischtennisspieler jemals Dimitrij Ovtcharov war zu Gast. Er nahm sich Zeit für Autogramme, Fragen und auch kleinen Duellen mit jungen Fans.

Sportnews Hildesheim (SNHI): „Wenn du heute hier durch das CJD Elze gehst, was ist das erste Gefühl, das bei dir hochkommt?“

Dimitrij Ovtcharov (DO): ,,Ja, es ist so ein bisschen wie nach Hause zu kommen. Ich habe gedacht, mensch ich war jetzt schon so lange nicht mehr da. Finde ich denn das Sekretariat noch? Wie war denn das nochmal alles? Und dann bin ich hier reingekommen und dann kommen alle Erinnerungen wieder hoch, alles so im Unterbewusstsein gespeichert. Ich habe so viele Jahre hier verbracht und so eine gute Zeit gehabt. Und ja, ich freue mich einfach wieder da zu sein.“

SNHI: Also durchweg positive Gefühle?

DO: Ja, absolut, absolut. Ich finde es auch echt schön, wie die Schule so ein bisschen außerhalb gelegen ist. Da habe ich immer so das Gefühl, die Kinder können sich wirklich hier wohlfühlen. Es ist sicher. Sie können sich auf die Schule konzentrieren. Ich lebe mittlerweile in einer Großstadt, wo ich dann teilweise Schulen so zwischen S-Bahn und Autos und so einer Lautstärke sehe. Das finde ich dann immer nicht so persönlich. Deswegen ist das echt toll gemacht hier.

SNHI: „Du hast deine Schulzeit hier verbracht. Inwiefern hast du das Gefühl, dass dich die Schule damals wirklich gefördert, aber vielleicht auch gefordert hat?“

DO: Ja, ich bin ja aufgewachsen in Hameln, war auch dort in der Schule. Und dann kam irgendwann der Punkt, dass es mit dem Sport einfach nicht mehr zu vereinbaren war. Und dann bin ich hier ins CJD gekommen und habe mich hier super, super wohlgefühlt. Hier wurde Wert darauf gelegt, dass ich einfach eine sehr gute schulische Ausbildung habe, dass ich die Fächer alle gut mitnehme, wenn ich vielleicht unterwegs war und nicht alles im Unterricht aufgegriffen habe, aber danach aufgearbeitet. Also dieses Fördern und Fordern war hier wirklich an erster Stelle geschrieben.

SNHI: „Wenn du an junge Schülerinnen und Schüler heute denkst: Welche Rolle kann Schule aus deiner Sicht für den eigenen Weg spielen, auch über den Sport hinaus?“

DO: Ich glaube, es ist einfach sehr wichtig und es hilft dir in jeder Karriere in der Schule gut aufzupassen, gut mitzumachen, egal ob du Sportler bist, Sänger, Künstler, Schauspieler. Das ist etwas Wichtiges, was man mit auf den Weg nehmen muss. Und man weiß nie, man hält das Augenmerk plötzlich auf eine Karriere, man denkt, das kann man schaffen und von heute auf morgen ist es vorbei. Wenn man da keine gute schulische Ausbildung hat, dann hat man einfach keine Alternative mehr im Leben. Deswegen kann ich nur jedem raten, hier sein Bestes zu geben.

SNHI: Wie waren deine Anfänge im Tischtennis, welche Rolle hat deine Mama auch gespielt?

DO: Also meine Anfänge im Tischtennis waren auf der Küchenplatte bei uns zu Hause mit Büchern in der Mitte, wo ich vielleicht so vier, fünf Jahre alt war. Irgendwann auf einer niedrigen Platte. Und ich habe die ersten Jahre eigentlich fast ausschließlich mit meiner Mutter trainiert, weil mein Vater auch nicht die Geduld hatte, mit so einem Anfänger zu trainieren. Mein Mutter ist da pädagogisch sehr stark und hat eine sehr hohe Geduld. Deswegen habe ich so die ganzen Grundtechnik und die Basis viel von ihr mitbekommen. Und dann, wo es mehr Richtung acht, neun, zehn Jahre ging, hat mein Dad dann doch mehr und mehr übernommen und ist in dieses Profigeschäft irgendwo mit eingestiegen.

SNHI: „Wann hast du selbst gemerkt: Tischtennis kann mehr werden als nur ein Hobby?“

DO: Ich glaube klar auch so bei kleineren Erfolgen schon bei Bezirksmeisterschaften, bei Minimeisterschaften fand ich das cool und dachte, ich probiere jetzt den nächsten Schritt zu gehen. Aber 2002 in Moskau bei den Jugendeuropameisterschaften war ich im Finale, hatte das Gefühl, ich bin eigentlich der beste Schüler Europas. Und da dachte ich, ja, das ist etwas, was mir richtig Spaß macht und wo ich probieren kann zu investieren, um erfolgreich zu sein.

SNHI: „Du hast eine unglaubliche Karriere hingelegt! Gab es auch im Profibereich einen Moment, der alles verändert hat?“

DO: Ja, das ist alles ein bisschen über Etappen in der Karriere gelaufen. Ich denke, das war das erste Mal, wo ich bei Olympia überhaupt dabei war und dann es auch gleich geschafft habe, im Team eine Medaille zu gewinnen. Das war so der erste ganz, ganz große Meilenstein. Dann vielleicht vier Jahre später, wo ich es geschafft habe, im Einzel eine Medaille bei Olympia zu gewinnen, was ja auch wirklich wenig Europäern gelungen ist. Und dann 2017, wo ich den Weltcup gewonnen habe und am Ende des Jahres die Nummer eins der Welt geworden bin. Ich würde sagen, so von 2008 bis 2017 ist das so in diesen drei, vier Etappen gekommen.

SNHI: „Wie schwierig war der Weg von einem Talent hin zur Weltspitze wirklich? Was unterschätzen viele?“

DO: Ich würde mich auch gar nicht als großes Talent bezeichnen, aber Talent ist ein sehr vielfältiges Wort. Ein guter Kollege, der Timo Boll, der lernt Schläge unglaublich schnell mit ganz wenig Training kann er die schnell ausführen, wo ich ganz viel Fleiß und Arbeit brauche. Aber Talent hat wirklich viele Gesichter. Ich denke, die mentale Stärke und das Hartnäckige im Spiel, das ist ein Talent von mir. Und einfach diszipliniert und fleißig an den Themen zu sein. Und am Ende können verschiedene Wege zu Erfolg führen.

SNHI: „Olympiamedaillen, Weltranglistenerster, Vereinstitel – Was war für dich der emotionalste Erfolg?

DO: Ich denke, die Olympiamedaille im Team. Das, das erste Mal zu schaffen. Natürlich das im Einzel 2012 zu schaffen, aber es dann neun Jahre später nochmal zu schaffen in Tokio. Das sind so die drei Momente, die wirklich herausstechen.

SNHI: Du hast bei Fakel Orenburg gespielt, aber auch hier in Deutschland bei Düsseldorf, Neu-Ulm und jetzt bei Fulda-Maberzell. Bei welchem Verein hat es am meisten Spaß gemacht und wer war dein bester Mitspieler?

DO: Ich habe ja mit ganz tollen Mitspielern gespielt. Ich durfte mit Timo Boll, mit Vladimir Samsonov spielen. Wirklich ganz viele tolle Mitspieler, von denen ich viel gelernt habe. Und bei jedem Verein für sich hatte ich eine tolle Zeit. Ich hatte eine schöne Zeit in Orenburg, da haben wir wirklich viel gemeinsam, lange gekämpft. Aber auch in Tündern, wo ich aufgewachsen bin. Oder jetzt in Fulda, ist es sehr familiär. Es ist wirklich in vielen Vereine nach der eigenen Geschichte hin sehr schön gewesen.

SNHI: „Wie gehst du mit Druck um, gerade auch wenn ganz Deutschland auf dich schaut bei den großen Turnieren?‘‘

DO: Ja, ich probiere das natürlich auszuschalten. Das ist natürlich nicht einfach, weil ich weiß natürlich, was erwartet wird. Was andere Leute von einem erwarten. Aber vor allem, was man auch selber von sich erwartet. Und deswegen ist es mir ganz wichtig, immer so Routinen zu haben. Rituale, die ich immer wieder wiederhole. Auch wenn ich nervös bin, dann probiere ich halt tief an die Atmung zu denken. An Farben, an Zahlen zu denken. Mich visuell abzulenken, um im Hier und Jetzt zu sein. Und nicht mit den Gedanken auszuschweißen, wer jetzt überlegt, wie man spielt.

SNHI: „Du hast über Jahre gegen die besten Spieler der Welt gespielt, vor allem gegen die Dominanz aus China: Was macht diese Konkurrenz so besonders?“

DO: Ja, die leben einfach diesen Sport. Tischtennis, das kann sich ja ein Europäer kaum vorstellen. Tischtennis ist dort so groß wie hier Fußball oder sogar tatsächlich noch größer. So ein Riesenland. Und der Hype über Tischtennis ist wahnsinnig groß. Und deswegen haben sie natürlich viele Ressourcen und investieren viel Geld in Tischtennis, dass ihre Nation erfolgreich wird. Ich durfte gegen so viele verschiedene Generationen von chinesischen Tischtennisspielern spielen. Und ja, beeindruckt nehme ich das alles mit.

SNHI: „Gibt es einen Gegner, gegen den du besonders gerne oder besonders ungern gespielt hast?“

DO: Also ich habe immer gut gespielt gegen rückhandorientierte Spieler. Da gab es z.B. Zhang Jike oder Fan Zhendong. Beides Einzel-Olympiasieger, Weltmeister, Weltranglisten-Erste. Die waren beide so unglaublich stark. Und ich habe eine grob ausgeglichene Bilanz gegen beide gehabt und viele Spiele gewonnen. Wo jetzt so extrem vorhand-dominante Spieler, wie früher Ma Lin oder danach Ma Long mir vom Spielstil weniger gelegen haben. Und da war es dann für mich schwieriger.

SNHI: „Du bist viel in der Welt unterwegs. Wie wichtig ist dir deine Heimat und Orte wie Elze heute noch?“

DO: Ich komme super gerne zurück zu meinen Eltern nach Hause, die ja mittlerweile in Eldagsen (Springe) leben. Ich komme auch gerne nach Hameln und gehe dort dann durch die Altstadt. Und komme auch wie diese Besuche hier nach Elze. Das sind einfach Rückzugsorte für mich, wo ich das Gefühl habe, wo alles ein bisschen gediegener geht. Wo alle Leute auch etwas freundlicher und auch weniger oberflächlich sind wie in Großstädten. Und ich komme gerne immer zurück. Und fühle mich hier sehr, sehr wohl!

SNHI: „Ich hab dich immer als sehr bodenständig wahrgenommen. Was erdet dich abseits des Sports trotz der vielen Erfolge?“

DO: Ja, wir sind ja dann aus Kiew nach Deutschland gekommen. Das war alles auch bei Weitem nicht einfach am Anfang. Das waren wirklich schwere Zeiten. Und dem probiere ich mich natürlich auch immer zu erinnern. Ich habe viele spannende, interessante Dinge gesehen mit viel Schein. Aber ich war auch oft in Lagos oder in Afrika, wo man sehr hohe Armut sieht. Und das erdet einen einfach, wenn man dort in Lagos mal so zehn Tage verbringt. Dann merkt man erst, wie gut wir es in Deutschland haben.

SNHI: „In wenigen Tagen startet die Weltmeisterschaft in London mit einem ganz besonderen Rahmen durch das 100-jährige Jubiläum des Weltverbands. Was bedeutet dir dieses Turnier?“

DO: Es ist die Mannschaftsweltmeisterschaft. Da hat man noch mehr das Gefühl, dass man Deutschland repräsentiert. Dass wir Deutschland als Mannschaft gemeinsam repräsentieren. Dass der eine für den einen irgendwo einspringen muss. Das macht einfach insgesamt etwas mehr Spaß, im Team zu sein. Deswegen freue ich mich sehr auf das Turnier.

SNHI: „Mit welchem Ziel gehst du in die WM und wie schätzt du deine/eure aktuelle Form ein?“

DO: Die Jungs sind alle gut drauf. Auch ich bin gut drauf. Aber Tischtennis ist so professionell geworden in vielen Ländern. In Frankreich ist es mittlerweile ein Riesensport. In Schweden, Korea, Japan ist so unglaublich professionell. Deswegen, wo China sonst als extremer Favorit galt und es eigentlich kaum möglich war, China zu schlagen. Es ist jetzt das erste Mal so, dass viele Mannschaften die Möglichkeit haben, Weltmeister zu werden. Auch wenn China noch favorisiert ist, ist es richtig eng. Und Deutschland zählt zu diesem Kreis.

SNHI: Ich glaube, Frankreich hat jetzt auch diese beiden jungen Supertalente. Die Lebrun-Brüder. Wie schätzt du sie ein?

DO: Unglaublich. Eine Wahnsinnsstory. Zwei Jungs, noch so jung, immer noch 19 und 21. Der Macron kommt ja immer wieder mal zu Spielen von denen. Die sind in Frankreich wirklich richtige Topstars.

SNHI: „Was sind deine persönlichen Ziele für die kommende Saison auf Vereinsebene?

DO: Ja, es nächstes Jahr in die Playoffs zu schaffen, also in die Finals. Im Pokal haben wir es ja ins Finale geschafft. Und da einfach mit den besten Vereinen Deutschlands mitzukämpfen.

SNHI: Bleibst du in Fulda?

DO: Genau, ich bleibe in Fulda. Für mich ist es auch so ein etwas kleinerer Ort. Alles viel familiärer gehalten. Da fühle ich mich wirklich sehr wohl.

SNHI: Und zum Abschluss: „Wenn du der jüngeren Generation des Tischtennis oder allgemein des Sport einen Satz mitgeben könntest, welcher wäre es?‘‘

DO: Ja, es wäre in dem Sinne, ruhig zu bleiben, wenn Rückschläge kommen, die nicht überzubewerten. Und auch wenn große Erfolge kommen, die auch in einer jungen Karriere nicht überzubewerten. Bei einer langen Karriere gibt es viele Rückschläge und Höhen. Und es ist wichtig, immer so ein bisschen seine Mitte zu bewahren.

SNHI: Perfekt, dann vielen Dank für deine Zeit und das Interview Dima! Ich wünsche dir viel Erfolg bei der WM!

DO: Vielen Dank Felix, sehr gerne. Wir werden alles geben!