Markus Steuerwald ist in Hildesheim angekommen und startet damit offiziell sein neues Kapitel als Cheftrainer der Helios GRIZZLYS. Sportnews Hildesheim hat den Deutschen Meistertrainer exklusiv bei seiner Ankunft am Hauptbahnhof begleitet und anschließend mit ihm über den Neustart, seine Spielidee, den neuen Kader und die Ziele für die kommende Saison gesprochen.

Sportnews Hildesheim:

Markus, erst einmal herzlich willkommen. Du bist gerade in Hildesheim angekommen. Was ist dir in diesem Moment durch den Kopf gegangen, in dem jetzt wirklich das neue Kapitel nach Berlin beginnt?

Markus Steuerwald:

Freude. Ich freue mich, dass es jetzt losgeht. Wir sind natürlich schon seit einigen Monaten im Austausch und ich habe Hildesheim vorher auch schon besucht. Aber jetzt freue ich mich darauf, dass wir wirklich hier sind und ab Montag beziehungsweise Dienstag starten können.

Sportnews Hildesheim:

Hat sich der Wechsel zwischendurch etwas weiter weg angefühlt, weil du im Endspurt der vergangenen Saison in Berlin plötzlich noch zum Cheftrainer geworden bist? Oder hast du dich die ganze Zeit schon auf Hildesheim gefreut?

Markus Steuerwald:

Ich habe mich natürlich von Anfang an darauf gefreut und auch begonnen, gewisse Dinge vorzubereiten, soweit das im Rahmen des Machbaren möglich war. Gleichzeitig war das Arbeiten in Berlin natürlich klar davon getrennt. Über den Sommer haben wir dann schon sehr viel geplant und kommuniziert, damit wir alles, was vorab erledigt werden kann, auch abarbeiten. Deshalb denke ich, dass wir jetzt an einem wirklich guten Punkt starten.

Sportnews Hildesheim:

Was bedeutet dieser komplette Neustart für dich persönlich? Neue Stadt, neue Wohnung, neuer Verein und jetzt erstmals von Beginn an deine eigene Mannschaft als Cheftrainer.

Markus Steuerwald:

Das bedeutet mir viel. Wenn man sich dafür entscheidet, Trainer zu werden und zunächst als Co-Trainer arbeitet, ist das Ziel natürlich irgendwann der Schritt zum Cheftrainer. Ich habe in dieser Zeit gelernt und viele Dinge gesehen. Jetzt geht es als Cheftrainer weiter. Nach allem, was ich gehört und bisher selbst mitbekommen habe, ist das hier ein sehr, sehr guter Verein. Ich freue mich wirklich auf die Arbeit und hoffe, dass wir die positive Entwicklung der vergangenen ungefähr zehn Jahre weiter fortsetzen können.

Sportnews Hildesheim:

Noch einmal kurz zu deiner letzten Station in Berlin. Du musstest dort plötzlich als Cheftrainer übernehmen. Hat dich diese Rolle noch einmal verändert oder war der Unterschied zu deiner vorherigen Arbeit als Co-Trainer gar nicht so groß?

Markus Steuerwald:

Es war schon anders. Vor allem das Arbeitsvolumen war plötzlich deutlich größer, weil ich am Ende auch alleine verantwortlich war. Gleichzeitig war es ein Zeitpunkt in der Saison, an dem man nicht mehr wahnsinnig viel verändern kann. Auch mein Verhältnis zu den Spielern ändert sich innerhalb der letzten drei Wochen einer Saison nicht plötzlich komplett. In dieser Hinsicht war es also nicht so viel anders. Trotzdem habe ich auch in dieser kurzen Zeit wieder neue Erfahrungen gesammelt. Man lernt nie aus. Es war sehr interessant und spannend und es gibt sicherlich Dinge, die ich daraus mitnehme.

Sportnews Hildesheim:

Was hast du von den Trainern, unter denen du als Co-Trainer gearbeitet hast, beispielsweise Joel Banks, besonders für deine neue Rolle mitgenommen?

Markus Steuerwald:

Es ist schwierig, eine konkrete Sache von einem bestimmten Trainer herauszugreifen. Man lernt sowohl aus guten als auch aus schlechten Dingen. Man sieht manchmal etwas und denkt sich, das würde ich vielleicht anders machen. Ich kenne das außerdem noch aus der Perspektive des Spielers und weiß, was bei Spielern vielleicht weniger gut oder besonders gut ankommt.

Bei Joel war beispielsweise die Organisation sehr gut. Ich habe es im Volleyball auch schon ganz anders erlebt, dass vieles unklar ist und sehr flexibel gearbeitet wird. Teilweise muss man natürlich flexibel sein. Aber die Dinge, die man vorher planen kann, sollte man auch vorher und möglichst langfristig planen. Das ist sicherlich ein Punkt, den ich mitgenommen habe, weil ich das für sehr wichtig halte.

Sportnews Hildesheim:

Trainer haben sehr unterschiedliche Führungsstile an der Seitenlinie. Würdest du dich eher als ruhigen und kontrollierten Trainer beschreiben oder kannst du in bestimmten Situationen auch sehr emotional werden?

Markus Steuerwald:

Grundsätzlich schätze ich mich eher als ruhig ein. Aber das Ganze ist natürlich dynamisch. Wenn wir überhaupt nicht performen oder ein Spieler etwas macht, das völlig gegen unsere Strategie geht, werde ich sicherlich auch einmal lauter und emotionaler. Grundsätzlich bin ich aber niemand, der an der Seitenlinie den Zampano macht, ständig herumrennt und permanent laut ist.

Deshalb steckt auch so viel Arbeit im Training. Dort bereiten wir uns darauf vor, damit ich im Spiel eingreifen kann, wenn es notwendig ist. Wenn aber alles gut läuft, halte ich mich sehr gerne zurück.

Sportnews Hildesheim:

Du übernimmst die GRIZZLYS nach einer langen Ära von Itamar Stein. Wie schwierig ist es, Nachfolger eines Trainers zu werden, der diesen Verein über so viele Jahre geprägt hat? Oder siehst du darin eher eine Chance?

Markus Steuerwald:

Ich denke, man muss das differenzieren. Itamar hat natürlich sehr, sehr gute Arbeit geleistet. Wenn man sieht, wo er mit dem Verein angefangen hat und wo der Verein heute steht, dann ist das alles unter seiner sportlichen Leitung entstanden.

Für mich ist es trotzdem so, auch wenn sich das vielleicht etwas komisch anhört, dass für meine tägliche Arbeit gar nicht entscheidend ist, was vorher gemacht wurde. Das war sein Weg und der war offensichtlich erfolgreich. Ich habe meine eigenen Ideen. Manche Dinge werden vielleicht ähnlich sein, andere werden sich verändern. Ich möchte meine eigenen Sachen einbringen.

Man kann jetzt von einer neuen Ära in Anführungszeichen sprechen, aber vor allem sind es vielleicht neue Ideen und gewisse Dinge, die anders gemacht werden sollen. Wir schauen jetzt nach vorne und wollen uns gar nicht zu lange mit der Vergangenheit beschäftigen.

Sportnews Hildesheim:

Gibt es einen Spielstil, den du deiner Mannschaft implementieren möchtest, bei dem man irgendwann sagen kann: Das ist Markus-Steuerwald-Volleyball?

Markus Steuerwald:

Ich bin gerne organisiert, auch auf dem Spielfeld. Alle Spieler müssen unseren Plan kennen und sich mehr oder weniger daran halten. Man soll von außen deutlich erkennen können, dass die Mannschaft gemeinsam arbeitet.

Ansonsten entwickelt sich Volleyball natürlich ständig weiter. Heutzutage geht es sehr stark um Druck im Aufschlag und Druck im Angriff. Es ist ein sehr offensives Spiel und da muss man mitgehen. Gleichzeitig muss man Lösungen dafür finden, wie man genau das beim Gegner stoppen kann. Das ist eine der spannenden Aufgaben als Trainer. In zwei Jahren kann sich das schon wieder etwas verschoben haben. Genau das macht die Arbeit spannend und macht Spaß.

Sportnews Hildesheim:

Du warst selbst Weltklasse-Libero. Wie stark prägt deine frühere Position noch heute deine Vorstellung von Volleyball?

Markus Steuerwald:

Ich werde sicherlich Wert darauf legen, dass der Gegner gegen uns nicht zu hoch punktet oder mit zu vielen Assen aus dem Spiel geht. Dieses „Wie kann ich den Gegner stoppen?“ spielt schon eine Rolle. Gleichzeitig möchte ich aber auch, dass wir selbst aktiv, offensiv und aggressiv spielen.

Am Ende geht es um die Balance und darum, dass alles ineinandergreift. Kommunikation und Organisation sind für mich sehr, sehr wichtig. Es ist ein Mannschaftssport und der funktioniert nur, wenn alle am selben Strang ziehen. Wenn jeder seine eigene Idee verfolgt, ist das meistens nicht von Erfolg gekrönt. Das sind vielleicht vermeintlich primitive Dinge, aber sie sind enorm wichtig. Genau das möchte ich der Mannschaft vermitteln.

Sportnews Hildesheim:

Du warst bereits vor deinem offiziellen Amtsantritt an der Kaderplanung beteiligt. Der 13-Mann-Kader steht. Wie nah kommt diese Mannschaft deiner ursprünglichen Vorstellung?

Markus Steuerwald:

Es gibt immer Spieler, die man theoretisch gerne verpflichten würde und bei denen es am Ende nicht funktioniert. Das ist völlig normal und auch vollkommen in Ordnung. Ich bin glücklich mit den Spielern, die wir jetzt hier haben. Wir hatten gute Gespräche mit ihnen, sie haben Lust auf das gesamte Projekt und selbst hohe Ziele.

Die Spieler passen aus meiner Sicht gut hinein. Auch als Gruppe sollte das nach meinen bisherigen Eindrücken gut harmonieren, was ebenfalls wichtig ist. Wie gut am Ende wirklich alles funktioniert, wird sich natürlich zeigen. Aber mit unseren 13 Spielern sind wir sehr zufrieden und freuen uns, dass die Arbeit jetzt losgeht.

Sportnews Hildesheim:

Gerade im Mittelblock habt ihr mit vier Spielern sehr viel Tiefe. Ist dir Rotation wichtig oder möchtest du schon einen gewissen Stamm auf den einzelnen Positionen entwickeln?

Markus Steuerwald:

Stamm ist schwierig zu sagen. Ich bin kein Freund davon, von einer ersten und einer zweiten Sechs zu sprechen. Ich gehe eher in die Richtung, dass jeder Spieler eine bestimmte Rolle hat. Natürlich ist klar, dass auf jeder Position einer mehr spielen wird als ein anderer. Trotzdem ist die Tiefe im Kader sehr wichtig.

Wenn du planst, mit sechs Spielern durch eine komplette Saison zu gehen und diese alles spielen müssen, ist das heutzutage einfach zu viel. Dafür ist der Spielplan inzwischen viel zu voll. Man braucht Tiefe und Wechselmöglichkeiten, sowohl für die Belastungssteuerung als auch bei Verletzungen oder aufgrund der Leistung.

Wir werden nicht 30 oder 40 Spiele konstant auf demselben Niveau spielen können. Es wird Phasen geben, in denen einzelne Spieler etwas abfallen. Umso wichtiger ist es, dass andere Spieler dann gut einspringen können. Deshalb ist es mir wichtig, Rollen zu verteilen, mit denen sich die Spieler identifizieren können. Jeder kann mit seiner Rolle der gesamten Mannschaft helfen.

Sportnews Hildesheim:

Mit Julian Zenger kommt wahrscheinlich der bekannteste Neuzugang. Er kommt aus einer längeren Verletzung. Wie ist sein gesundheitlicher Stand und wie wichtig kann er für euch in dieser Saison werden?

Markus Steuerwald:

Es läuft alles nach Plan. Er steigt jetzt ganz normal mit uns ins Training ein. Die langfristigen Probleme wurden geklärt und es ist alles so, wie es sein soll. Das läuft wirklich sehr gut.

Natürlich hat er eine Weile nicht mehr gespielt. Aber ich kenne Julian schon länger und er ist ein Spieler mit einer sehr guten Technik. Solche Dinge verlernt man nicht. Deshalb bin ich sehr positiv, dass er relativ schnell wieder an seine Qualitäten anknüpfen kann.

Er ist für uns natürlich sehr wichtig. Dadurch, dass wir ihn als sehr starken Annahmespieler verpflichten konnten, hatten wir auf anderen Positionen vielleicht die Möglichkeit, offensivere Außenangreifer zu holen. Dementsprechend wird schon einiges an Verantwortung auf seinen Schultern liegen. Er soll dabei helfen, unsere Annahme zu organisieren, damit wir daraus ein sicheres und stabiles Spiel aufziehen können.

Sportnews Hildesheim:

Ihr habt eine gute Mischung aus jungen, entwicklungsfähigen und erfahrenen Bundesligaspielern im Kader. Wie unterschiedlich muss man solche Charaktere führen und was ist dir dabei besonders wichtig?

Markus Steuerwald:

Das werden wir auch erst sehen, wenn wir miteinander arbeiten. Man muss jeden Spieler immer besser kennenlernen und herausfinden: Wie erreiche ich ihn und was braucht er? Genau das ist auch ein Teil der Arbeit, der Spaß macht.

Natürlich geht es viel um technische Arbeit und darum, eine gewisse Philosophie zu vermitteln. Aber genauso wichtig ist die Frage: Wie erreiche ich den einzelnen Spieler so, dass er für sich selbst erfolgreich agieren und gleichzeitig der Mannschaft helfen kann?

Wir haben mit Julian (Zenger), Cody (Kessel) oder Jan (Röling) auch einige erfahrenere Spieler dabei. Solche Spieler können den jüngeren und unerfahreneren Spielern sehr häufig helfen. Deshalb denke ich, dass wir insgesamt eine ganz gute Mischung haben.

Sportnews Hildesheim:

Im Pokal wartet direkt dein ehemaliger Verein Berlin und auch in der Liga kommt es früh zum Wiedersehen. Hättest du dir zum Start lieber einen anderen Gegner gewünscht oder reizt dich dieses Duell besonders?

Markus Steuerwald:

Ich nehme es, wie es kommt. Ich kann es sowieso nicht ändern. Hätten wir in der ersten Pokalrunde gerne ein vermeintlich einfacheres Los gehabt? Sicherlich. Aber es ist jetzt so und damit müssen wir leben.

Wir arbeiten darauf hin, wollen dort bestmöglich auftreten und Berlin den Weg durch diese erste Pokalrunde so schwer wie möglich machen. Dann schauen wir, was dabei herauskommt. Bis dahin ist aber noch viel Zeit und wir haben noch sehr viel Arbeit vor uns. Wenn wir näher an das Pokalspiel herankommen, werden wir auch sehen, wie unsere Chancen stehen.

Sportnews Hildesheim:

Die GRIZZLYS haben sich in den vergangenen Jahren in der deutschen Spitze etabliert. Wann würdest du im kommenden Frühjahr sagen: Meine erste Saison hier war erfolgreich? Was sind deine Ziele?

Markus Steuerwald:

Das ist schwierig zu sagen. Die GRIZZLYS standen bisher noch nie im Pokalfinale oder im Meisterschaftsfinale. Das sind auf jeden Fall Ziele. Jetzt zu sagen, dass wir das direkt in dieser Saison erreichen müssen, schön wäre es natürlich, aber so etwas ist schwierig zu planen. Der Weg und die Richtung sind allerdings klar vorgegeben.

Andere Ziele müssen wir gemeinsam mit der Mannschaft erarbeiten. Wenn ich mich vorne hinstelle und sage, dass ich Deutscher Meister werden will, aber fünf Spieler denken: „So gut sind wir eigentlich gar nicht“ und glauben überhaupt nicht daran, dann werden wir auch keinen Erfolg haben.

Das Ziel des Vereins und die Richtung, in die wir uns in naher Zukunft entwickeln wollen, sind klar. Trotzdem müssen wir unsere konkreten Ziele gemeinsam als Mannschaft erarbeiten. Jeder Einzelne muss daran glauben und dafür arbeiten. Dann denke ich, dass auch vieles möglich ist. Das ist ein gemeinsames Gruppenprojekt, bei dem alle Stimmen wichtig sind.

Sportnews Hildesheim:

Alles klar. Dann vielen Dank und einen guten Start in Hildesheim.

Markus Steuerwald:

Danke.