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Wenn am 19. September die neue Saison der 2. Bundesliga Nord der Frauen beginnt, ist eines bereits sicher: Ganz oben wird am Ende ein neuer Name stehen.
Der SCU Emlichheim, Meister der vergangenen beiden Spielzeiten 2024 und 2025, hat die Liga in Richtung Sparda 2. Liga Pro verlassen. Damit ist der Platz an der Spitze frei und das Rennen um die Nachfolge verspricht so offen zu werden wie selten zuvor.
14 Mannschaften gehen in die neue Spielzeit, darunter viele neue Gesichter. Neben den etablierten Zweitligisten gehören dazu mit dem TV Hörde und dem BBSC Berlin auch zwei Absteiger aus der Sparda 2. Liga Pro. Mit Grün-Weiß Eimsbüttel und FC 47 Leschede sind zudem auch zwei Aufsteiger neu dabei. Zum Auftakt wartet gleich ein bemerkenswertes Programm: Unter anderem empfängt der TV Hörde das Team 48 Hildesheim, der SC Potsdam trifft auf den USC Münster II, während der BBSC Berlin den RC Sorpesee und den Schweriner SC II zu Gast hat. Der VC Osnabrück startet gegen Grün-Weiß Eimsbüttel in die Saison. Insgesamt warten direkt acht Partien am ersten Spieltag.
Die Liste der Favoriten ist lang wie nie
Der Meisterthron ist also leer und an Bewerbern mangelt es nicht. Eine Mannschaft wird von den Gegnern besonders häufig genannt: der USC Münster II. „USC Münster II und Team 48 Hildesheim, einfach weil sie hinter Emlichheim zuletzt die stärksten Mannschaften waren“, sagt Dominik Münch, Trainer des BSV Ostbevern. Auch die SFF Bonn sehen Münster als Favoriten und zählen Hildesheim, Hörde und Berlin zum erweiterten Kreis.
Für Grün-Weiß Eimsbüttel-Trainer Holger Schlawitz ist Münster sogar der „logische Nachfolger“ als Meister. Der USC habe in den vergangenen Jahren mit einer Mischung aus jungen Talenten und erfahrenen Spielerinnen konstant oben mitgespielt. Auch beim VCO Münster tippt man aus diesem Grund auf die Nachbarinnen als neue Champions. Ähnlich fällt die Einschätzung aus Leschede, Schwerin und Osnabrück aus. Vor allem die Erfahrung und die Qualität des Münsteraner Kaders werden immer wieder angebracht.
Doch die Konkurrenz ist größer geworden. Hildesheim gehört seit Jahren zur Spitzengruppe und will nun den nächsten Schritt machen. Trainer Matthias Keller sieht neben seinem eigenen Team auch Potsdam und Hörde weit vorne. Gerade Hörde und Berlin brächten als Absteiger viel Erfahrung aus der Sparda 2. Liga Pro mit. Andreas Mehren, Headcoach von TUSA City Girls Düsseldorf stellt fest: „Mein persönlicher Saisonfavorit ist Berlin. Sie kommen aus einer Liga höher und bringen dadurch viel Erfahrung auf diesem Niveau mit. Dazu kommt ein sehr professionelles Umfeld mit starken Strukturen und guten Rahmenbedingungen.“
Auch Potsdam rechnet sich Chancen aus. Trainer Björn Matthes erwartet sein Team stärker und möchte wieder den Blick nach oben richten. Gleichzeitig warnt er davor, die Kräfteverhältnisse zu früh festzuschreiben. Die Sommerpause habe bei den meisten Vereinen Veränderungen gebracht, weshalb sich erst zeigen müsse, welche Mannschaften ihre neue Formation am schnellsten finden.
Genau diese Ungewissheit macht die Saison interessant. Der RC Sorpesee spricht deshalb bewusst nicht von einem einzelnen Favoriten. Mit Münster und Hildesheim gebe es zwar zwei bekannte Namen, doch durch die beiden Absteiger sei der Kreis der Titelanwärter größer geworden. Der USC Münster II selbst hält sich ebenfalls mit einer eindeutigen Prognose zurück: „Einen eindeutigen Favoriten auszumachen, fällt uns schwer. Viele Teams haben sich neu aufgestellt und dabei ebenfalls junge Spielerinnen integriert. Dadurch ist vieles offen und genau das verspricht spannende Spiele und eine abwechslungsreiche Saison“, sagt Teammanagerin Ute Zahlten.
Mehr als Punkte: Der Charakter der Liga
Eine Liga ist nicht einfach nur eine Ansammlung von Mannschaften, ebenso wenig sind Teams nur zufällig ausgewählte Spielerinnen. Alle zeichnet eine eigene DNA aus. Viele beschreiben ihre Teams als leidenschaftlich, ehrgeizig und widerstandsfähig. Beim Schweriner SC II gehören laut Mittelblockerin Celina Sondowski Emotionen und Ambition ebenso zum Selbstverständnis wie ein respektvoller Umgang. Co-Trainer Tim Swaan beschreibt TUSA Düsseldorf „als energiegeladene Macherin mit einem großen Herz und noch größerem Kampfgeist.“ Und in Leschede gehört gerade die Fähigkeit, sich auch aus scheinbar aussichtslosen Situationen zurückzukämpfen, zum eigenen Charakter.
Die Bonner Teammanagerin Klara Single spricht von „absoluter Frauenpower“ nicht nur auf dem Feld, sondern inzwischen auch auf der Trainerinnenbank. Mit dem Gespann Claudia Bach, Kerstin Freudenhammer und Eva Grab ist dort viel Bonner Vergangenheit versammelt. Auf dem Feld erhalten junge Talente Chancen.
Überhaupt ist die Verbindung zwischen den Vereinen und ihrem Nachwuchs ein Thema, das die Liga prägt. Viele Mannschaften versuchen, jungen Spielerinnen den Sprung in den Leistungssport zu ermöglichen, ohne dabei auf die Erfahrung älterer Spielerinnen zu verzichten. Beim BBSC Berlin etwa soll gerade diese Mischung aus unterschiedlichen Erfahrungsstufen für Dynamik sorgen. Beim VCO Münster ist die Ausbildung von Profi-Spielerinnen das Kerngeschäft. „Lernen, gemeinsam wachsen und besser werden“ ist nach VCO-Präsident Jürgen Aigner die Leitphilosophie.
Und auch neben dem Sport gibt es enge Verbindungen. Bonn pflegt freundschaftliche Beziehungen zu mehreren Konkurrenten, besonders zum USC Münster II und zum RC Sorpesee. Die Duelle mit Sorpesee gelten dabei schon fast als kleine Tradition: Häufig geht es über fünf Sätze. Eimsbüttels Trainer Holger Schlawitz freut sich auf alte Bekannte: „Als Neuling in der Liga sind wir gespannt auf alle neuen Gegnerinnen. In der 3. Liga Nord gab es immer großartige Duelle mit Potsdam und darüber hinaus freuen wir uns vor allem auf stimmungsvolle Hallen wie z.B. in Sorpesee.“
Vom grünen Haargummi bis zur Powerminute
Was eine Mannschaft zusammenhält, lässt sich allerdings nicht nur an Tabellenplätzen oder Trainingszeiten ablesen. Es sind Rituale, Traditionen oder gemeinsame Überzeugungen. Bei Grün-Weiß Eimsbüttel bekommt nach jedem Spiel ein interner MVP ein grünes Haargummi und trägt es bis zum nächsten Spiel. Nach Auswärtsspielen wird bei der Rückkehr nach Hamburg traditionell „Hero“ von Enrique Iglesias gespielt. In Osnabrück gehört ein gemeinsamer Flammkuchenabend zum Mannschaftsleben, in Hörde werden vor dem Spiel die Wasserflaschen mit Stickern der Trainerin beklebt. Und für die Schweriner Libera Malena Schultz geht nichts über den gemeinsamen Pizzeria-Besuch zum Mittagessen vor dem Spiel.
In Potsdam ist die sogenannte Powerminute dagegen erstaunlich ruhig. Direkt vor dem Spiel nimmt sich die Mannschaft in der Kabine eine gemeinsame Minute, nicht als Motivationsshow, sondern als bewussten Moment der Ruhe vor dem ersten Ballwechsel.
Noch wichtiger als solche Rituale ist für viele Vereine aber das Gefühl, füreinander einzustehen. In Ostbevern beginnt dieser Gedanke bereits bei der Zusammenstellung des Kaders: „Über Neuzugänge entscheidet nicht allein das Trainerteam, sondern die Mannschaft“, erklärt Coach Münch.
Auch die Mottos für die neue Saison drehen sich deshalb weniger um einzelne Tabellenplätze als um Entwicklung und Konstanz. Hildesheim geht mit „Future 48“ in die Spielzeit. Sorpesee will „Alles geben – Punkt für Punkt“, während Schwerin regelmäßiger gute Leistungen abrufen möchte. „Konstanz vor Perfektion“, bringt Zuspielerin Nele Hecht das Prinzip auf den Punkt. „Wir wollen nicht in jedem Spiel perfekt sein, sondern konstant unsere Leistung abrufen, füreinander da sein und uns als Team weiterentwickeln.“
Neue Gesichter, neue Rollen, neue Herausforderungen
In vielen Vereinen hat sich im Sommer einiges verändert. Besonders groß ist der Umbruch in Ostbevern und Bonn. Der BSV muss sieben Abgänge auffangen und hat ebenso viele neue Spielerinnen sowie eine Rückkehrerin verpflichtet. Bonn verliert mit Jil Molitor, Klaudia Czyz und Annika Brück drei langjährige Leistungsträgerinnen, verjüngt den Kader aber gezielt und holt unter anderem Spielerinnen aus dem eigenen Unterbau sowie aus Olpe und Aachen dazu. Gleichzeitig übernimmt Claudia Bach die Cheftrainerinnenposition von Robert Kroner.
Auch Düsseldorf und Hörde haben ihre Mannschaften deutlich verändert und verjüngt. In Düsseldorf betrifft der Umbruch zudem die Trainerbank: Andreas Mehren übernimmt als Headcoach, unterstützt von Tim Swaan. Die Kombination aus Erfahrung und neuen Impulsen soll einer Mannschaft helfen, die mehrere langjährige Spielerinnen verloren hat und nun viel junges Potenzial integrieren muss.
Bei der Nachwuchsschmiede VCO Münster gehören Fluktuationen im Team naturgemäß zur DNA, einige Spielerinnen haben bereits den Sprung in die DEKRA 1. Bundesliga geschafft. Aber auch abseits des Courts gibt es Veränderungen, denn mit Kyriakos Kamperidis übernimmt ein neuer Cheftrainer die Talententwicklung. Auch beim benachbarten USC gibt es neue Verantwortlichkeiten. Neu an der Seitenlinie ist Ralph Bergmann, der als Sportlicher Leiter auch den USC I unterstützt und damit für eine bessere Verbindung zwischen beiden Teams sorgen soll, während Marvin Mallach als Co-Trainer dabeibleibt.
Beim Schweriner SC II ist die Verjüngung ebenfalls deutlich spürbar. Berlin muss nach dem Abstieg aus der Sparda 2. Liga Pro zahlreiche neue Gesichter integrieren, konnte mit Paula Reinisch und Annalena Grätz aber wichtige Leistungsträgerinnen halten. Osnabrück wiederum ergänzt seinen Kader gezielt und hat mit einer Mentaltrainerin auch den Staff erweitert. In Bewegung ist auch Sorpesee. Der erst 23-jährige Tom Barthel übernimmt als Headcoach und wird von Dominik Horst sowie Linus Tepe unterstützt. Gleichzeitig verabschiedet sich mit Kapitänin Kirsten Prachtel eine Spielerin, die mehr als 20 Jahre in der ersten Mannschaft aktiv war.
Andere Vereine setzen stärker auf Kontinuität. Hildesheims Coach Matthias Keller berichtet: „Die Mannschaft ist stabil geblieben, obwohl es auf Kernpositionen hinsichtlich Annahme und Abwehr auch Wechsel geben wird.“ Der SC Potsdam geht den nächsten Schritt seines Umbruchs an, was sich einerseits bereits am Namen zeigt, der das Team jetzt klar als erste Mannschaft ausweist. „Zum anderen hat sich der Kern der Mannschaft nur um wenige Spielerinnen, die uns verstärken werden, verändert. Wir wollen uns der Herausforderung stellen, weiterhin zu den besten Ausbildungsstandorten für Nachwuchsvolleyballerinnen in Deutschland zu gehören und gleichzeitig den Blick nach oben zurück in die 1. Liga wagen“, erklärt Trainer Björn Matthes die langfristige Perspektive.
Für den Aufsteiger FC 47 Leschede geht es derweil nicht nur darum, sportlich in der neuen Liga anzukommen. Auch organisatorisch wachsen die Anforderungen. Streaming, neue Abläufe und die professionelle Präsentation des Spielbetriebs gehören zu den Aufgaben, die der Verein nun bewältigen muss.
Was bleibt, wenn der erste Ball fliegt?
Die vergangene Saison hat bei vielen Mannschaften Spuren hinterlassen. Bei Ostbevern waren es vor allem Verletzungen und personelle Engpässe. Kapitänin Kathrin Pasel sagt: „Deshalb haben wir uns für die neue Saison breiter aufgestellt.“
Eimsbüttel nimmt aus dem Aufstieg eine andere Erkenntnis mit: Verantwortung muss verteilt werden. „Wir haben gelernt, Verantwortung zu übernehmen und einander zu vertrauen – unabhängig davon, wer auf dem Feld stand“, sagt Mittelblockerin Lara Kilian. Genau dieses Vertrauen habe das Team durch schwierige Phasen getragen und schließlich in die 2. Bundesliga geführt.
Beim USC Münster II geht es um eine ähnliche Erkenntnis, allerdings mit Blick auf die Nachwuchsförderung. Junge Spielerinnen sollen noch mehr Verantwortung und Spielpraxis bekommen, während die erfahrenen Spielerinnen ihre Qualität und Erfahrung einbringen. Der USC will damit zwei Dinge verbinden, die häufig als Gegensatz betrachtet werden: Nachwuchsförderung und sportlichen Erfolg.
Die Ziele fallen entsprechend unterschiedlich aus. Für die Aufsteiger und Mannschaften mit größeren Umbrüchen steht zunächst der Klassenerhalt im Mittelpunkt. Eimsbüttel möchte möglichst früh Sicherheit haben, auch Osnabrück will laut Kapitänin Lisanne Masselink „den Abstiegskampf möglichst früh vermeiden. Unser insgeheimes Ziel ist ein Platz im gesicherten Mittelfeld, idealerweise um Platz 6 rum. Das ist bei einem guten Saisonstart und konstanter Leistung realistisch.“
Auch der FC 47 Leschede weiß um die Größe der Aufgabe: „Realistisch wollen wir uns in dieser Saison gut verkaufen und es jedem Gegner so schwer wie möglich machen, gegen uns die Punkte einzufahren. Uns ist bewusst, dass wir eine sportlich große Herausforderung vor der Brust haben“, sagt Trainer Pascall Reiß. Auch die TUSA City Girls Düsseldorf setzen zunächst auf den Klassenerhalt, möchten aber gleichzeitig besser abschneiden als im Vorjahr. Ostbevern schielt trotz des großen Umbruchs erstmals in die obere Tabellenhälfte. In Hörde möchte man die Mannschaft entwickeln und trotzdem oben landen: „Als Team zusammenwachsen und im oberen Tabellendrittel landen“ sind die Ziele von Zuspielerin Anna Böhm.
Noch ambitionierter sind Hildesheim und Potsdam: Team48 möchte unter die ersten Drei, Potsdam hält bei konstantem eigenen Spiel einen Platz unter den Top Fünf für möglich. Für den VCO Münster sind konkrete Platzierungen eher zweitrangig. „Die Erreichung eines bestimmten Tabellenplatzes ist für uns nicht wichtig. Wir wollen jede einzelne Spielerin besser machen und natürlich ab und zu gewinnen“, erklärt Jürgen Aigner. Ganz ähnlich klingt das auch beim BBSC Berlin. Nach dem Abstieg aus der Sparda 2.Liga Pro habe sich der Kader laut Jens Tietböhl „natürlich verändert“. Der Berliner Trainer legt deswegen den Fokus künftig besonders auf die Entwicklung und Integration der neuen Spielerinnen: „Ich wünsche mir, dass unsere Neuzugänge auf den Spezialpositionen Zuspiel und Libero einen weiteren großen Entwicklungsschritt machen.“
Punkt für Punkt zum neuen Meister
Die neue Saison der 2. Bundesliga Nord beginnt damit unter besonderen Vorzeichen. Der Serienmeister ist weg, die Hierarchie muss sich neu sortieren. Münster II trägt – zumindest in den Augen vieler Konkurrenten – die Bürde des Favoriten. Dahinter lauern mit Hildesheim, Hörde und Berlin etablierte Teams.
Und Druck? Den wird es geben. Beim USC ist die Konfrontation damit wichtig für die charakterliche Entwicklung der Spielerinnen, wie Ute Zahlten verrät. „Wir versuchen, Druck nicht als Belastung, sondern als Chance zu sehen. Gerade unsere jungen Spielerinnen sollen lernen, auch gegen Favoriten mutig aufzutreten und Verantwortung zu übernehmen.“
Beim RC Sorpesee begegnet man ihm mit einer Mischung aus Gelassenheit und Ehrgeiz. „Nur unter Druck entstehen Diamanten“, sagt Tom Barthel und schmunzelt. „Aber ganz im Ernst: die Mädels arbeiten von Ball zu Ball an ihrer Performance. Wir versuchen, sie in ihrem Handeln zu unterstützen und den gefühlten Druck zu nehmen.“
Diese Aussage passt gut zu dieser Saison. Denn die 2. Bundesliga Nord wird ihren neuen Meister nicht an einem einzelnen Spieltag finden. Sie wird ihn über viele Wochen, enge Sätze, Rückschläge, Verletzungen, junge Spielerinnen, erfahrene Anführerinnen und vermutlich einige Überraschungen bestimmen.
Der Platz des SCU Emlichheim an der Spitze ist frei. Doch vielleicht ist genau das die beste Nachricht für die neue Saison: Die 2. Bundesliga Nord beginnt mit einer offenen Frage. Und die Antwort fällt Punkt für Punkt.
