Der HC Eintracht Hildesheim hat sich im Sommer auf der Spielmacherposition neu aufgestellt. Einer, der künftig die Fäden im Rückraum ziehen soll, ist Leon Bahr.

Der junge Mittelmann kommt von den YoungsterS des SC Magdeburg nach Hildesheim und bringt trotz seines jungen Alters bereits einiges an Erfahrung mit. In Magdeburg war Bahr Kapitän, lernte in einem der renommiertesten Nachwuchsprogramme Deutschlands und soll nun beim ambitionierten Drittligisten den nächsten Schritt machen.

Schon die ersten Wochen in seiner neuen Heimat bestätigen Bahr darin, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Der Neuzugang sagt:

Ich habe mich sehr auf Hildesheim gefreut und wurde in dieser Freude nur bestätigt.

Das Training sei genauso professionell, wie es ihm im Vorfeld angekündigt worden sei. Vor allem innerhalb der neu zusammengestellten Mannschaft habe es schnell gepasst.

Auch wenn die Vorbereitung dem Team einiges abverlangt, spürt Bahr bereits einen besonderen Zusammenhalt.

Man merkt einfach, dass wir alle mit demselben Ziel hier sind und auch wenn die Vorbereitung an manchen Tagen echt hart ist, ziehen wir uns alle gegenseitig durch die wirklich anstrengenden Einheiten.

Nicht nur sportlich scheint das neue Team schnell zusammenzufinden. Mannschaftsabende und gemeinsame Aktivitäten hätten dafür gesorgt, dass sich die Spieler auch abseits der Halle kennenlernen konnten. Und auch mit seiner neuen Heimat kann sich Bahr bislang gut anfreunden. Hildesheim sei zwar die kleinste Stadt, in der er bisher gelebt habe, fehlen würde ihm aber nichts.

Leon Bahr (Mitte) im Testspiel gegen die Recken. Fotos: Anton Gebhard.

Die Hildesheimer Halle kennt er bereits

Völliges Neuland ist Hildesheim für Bahr ohnehin nicht. Noch in der vergangenen Saison stand er mit Magdeburg als Gegner auf dem Parkett. Besonders das letzte Saisonspiel ist ihm dabei im Gedächtnis geblieben. Die YoungsterS hatten zwischenzeitlich deutlich geführt, mussten die Partie aber noch aus der Hand geben.

„Da stand die Halle natürlich Kopf. Ich will genau so eine Atmosphäre auch dieses Jahr erleben und jetzt sogar im Heimtrikot“, erinnert sich Bahr. Dass er dieses Trikot künftig trägt, zeichnete sich bereits nach der Hinrunde der vergangenen Saison ab. Damals entstand der erste Kontakt zum HC Eintracht. Bahr beschäftigte sich anschließend intensiver mit dem Verein und entwickelte schnell ein gutes Gefühl.

Vor allem die Gespräche mit Trainer Daniel Deutsch überzeugten ihn.

Nach den ersten Telefonaten mit Daniel hatte auch mein Umfeld das Gefühl, dass ich mich innerlich schon entschieden habe.

Als die Gespräche konkreter wurden, fiel ihm die endgültige Zusage entsprechend leicht.

Vom Nachwuchshandball zum nächsten Schritt

Der Abschied aus Magdeburg war für Bahr dabei keine Entscheidung gegen den SC, sondern vielmehr der nächste logische Schritt seiner Entwicklung. Das Ausbildungssystem des Bundesligisten ist darauf ausgelegt, junge Spieler irgendwann in den Erwachsenenhandball zu führen.

Für Bahr war nun der Moment gekommen, eine neue Aufgabe zu suchen. Und genau die fand er in Hildesheim. „Mir hat hier das Spielsystem einfach sehr zugesagt, ich hatte das Glück, dass der Spielertyp, der ich bin, auch noch gebraucht wurde und ich finde das Ziel einfach geil“, erklärt der Spielmacher. Besonders die sportlichen Ambitionen reizten ihn. Während es mit Magdeburgs Nachwuchsmannschaft aufgrund der besonderen Rahmenbedingungen hauptsächlich darum ging, die Klasse zu halten, erwartet ihn beim HC Eintracht eine andere Zielsetzung.

Hier geht es um den Aufstieg und diese Aufgabe ist für mich einfach der nächste Schritt, auf den ich richtig Bock hatte.

Trainer Daniel Deutsch traut dem jungen Neuzugang dabei eine bedeutende Rolle zu. Bahr bringe handwerklich alles mit, was ein Spielmacher und Führungsspieler benötige. Ein Vertrauen, das der Neuzugang nun zurückzahlen möchte.

Jetzt liegt es an mir und unserer gemeinsamen Arbeit, diese Rolle auch einzunehmen.

Eine Mannschaft wächst gemeinsam

Dass beim HC Eintracht im Sommer zahlreiche Veränderungen im Kader vorgenommen wurden, sieht Bahr dabei gleichzeitig als Herausforderung und Chance.

In den ersten Testspielen sei deutlich geworden, dass noch nicht alle Abläufe funktionieren. Das neue Spielsystem müsse von der Mannschaft erst verinnerlicht werden.

Man merkt aktuell einfach noch, dass wir uns noch nicht ganz blind verstehen und so noch das ein oder andere Abstimmungsproblem zustande kommt.

Gleichzeitig sieht Bahr gerade darin einen Vorteil. Weil viele Spieler gemeinsam neu beginnen, befinde sich das Team auf einem ähnlichen Entwicklungsstand. Niemand müsse sich in bereits seit Jahren bestehende Abläufe einfügen. Stattdessen könne die gesamte Mannschaft zusammen wachsen.

Gemeinsam mit dem HC Eintracht hat Leon Bahr (Nr.9) große Ziele diese Saison.

Vom Fußball in die Handballhalle

Dass Bahr überhaupt einmal Spielmacher bei einem ambitionierten Drittligisten werden würde, war in seiner Kindheit keineswegs vorgezeichnet. Seine ersten sportlichen Schritte machte er zunächst beim Fußball.

Wie genau anschließend der Wechsel zum Handball zustande kam, weiß Bahr selbst nicht mehr. Seine Eltern konnten die Erinnerung auffrischen: Im Winter sei es ihm draußen beim Fußball schlicht zu kalt gewesen. Da sein Vater selbst Handball gespielt hatte, probierte es Bahr in der Halle.

Bereits mit etwa zehn oder elf Jahren spielte er in Schwerin. Die ersten Erfolge sorgten dafür, dass die Begeisterung immer größer wurde.

Dadurch, dass wir damals in dem Rahmen schon recht erfolgreich waren, habe ich einfach so viel Freude an diesem Sport entwickelt, dass ich ihn jetzt schon über zehn Jahre mache.

Heimweh auf dem Weg nach Magdeburg

Sein Talent blieb nicht lange unentdeckt. Schließlich ergab sich für Bahr die Möglichkeit, in die Nachwuchsabteilung des SC Magdeburg zu wechseln. Sportlich war die Chance riesig, persönlich bedeutete der Schritt jedoch eine große Umstellung.

„Auf der einen Seite war ich natürlich mega stolz, dass ein Verein wie dieser mich aufnehmen möchte. Auf der anderen Seite hatte ich sehr mit Heimweh zu kämpfen“, erzählt Bahr.

In den ersten Wochen sei durchaus die eine oder andere Träne geflossen. Er musste sich an eine neue Umgebung gewöhnen und seine Familie zurücklassen. Ohne deren Rückhalt hätte er sich diesen Schritt damals vermutlich nicht zugetraut.

Doch Bahr blieb und die Entscheidung sollte sich auszahlen. Er lebte sich ein und spricht heute von einer „mega geilen Zeit“ in Magdeburg.

Die Mentalität des SC Magdeburg

Sportlich bekam Bahr dort eine Ausbildung auf höchstem Niveau. Neben technischen und taktischen Inhalten ist es aber vor allem eine Eigenschaft, die er aus Magdeburg mitnimmt: die Mentalität.

Einfach nicht aufzuhören, bis die Sirene das Spiel beendet. Diese Kämpfermentalität hat dort wirklich jeder gelebt.

Diese Haltung möchte er nun auch in Hildesheim einbringen. Aufgeben, eine Partie gedanklich abhaken oder sich von Rückschlägen beeindrucken lassen, all das passt nicht zu dem, was Bahr in Magdeburg gelernt hat.

Auch mit der Bundesligamannschaft kam der junge Rückraumspieler zumindest punktuell in Kontakt. Zwar gehörte Bahr nicht zu den Nachwuchsspielern, die regelmäßig ganz nah an den Profis dran waren, durfte aber mit der Mannschaft trainieren.

Dabei beeindruckte ihn weniger eine einzelne technische Fähigkeit als vielmehr der Umgang der Profis mit schwierigen Situationen. „Auch in schwierigen oder schlechten Phasen cool und gesammelt zu bleiben, von Aktion zu Aktion zu denken und Geschehenes hinter sich zu lassen“, sei etwas, das er sich abgeschaut habe.

Verletzungen sorgen für Zweifel

Der Weg durch ein Nachwuchsleistungszentrum verläuft allerdings selten geradlinig. Auch Bahr musste in Magdeburg Rückschläge verkraften. Zwei längere Verletzungspausen sorgten dafür, dass er zeitweise genau das nicht machen konnte, wofür er seine Heimat verlassen hatte: Handball spielen.

In diesen Phasen kamen Zweifel auf. War der eingeschlagene Weg wirklich richtig? Lohnten sich Aufwand und Verzicht? Für Bahr fiel die Antwort letztlich immer gleich aus: Ja.

Auch deshalb blickt er heute positiv auf die vier Jahre zurück. Was er am meisten vermisst, sind weniger die sportlichen Strukturen als vielmehr die Menschen. Seine Freunde seien mit der Zeit zu einer Art Ersatzfamilie geworden.

Nach Hildesheim nimmt er dennoch etwas mit, das sinnbildlich für seine Magdeburger Jahre steht:

Den unbedingten Willen zu gewinnen und immer alles zu geben.

Kapitän ohne große Worte

Dass Bahr bereits in jungen Jahren Verantwortung übernehmen kann, zeigte er bei den YoungsterS auch als Kapitän. Innerhalb der sehr jungen Magdeburger Mannschaft gehörte er trotz seines Alters bereits zu den erfahreneren Spielern und war lange Teil des Teams. Schließlich wählten ihn seine Mitspieler zum Kapitän.

Für Bahr war das eine besondere Anerkennung. Seine Art der Führung unterscheidet sich dabei jedoch von der eines klassischen Lautsprechers.

Ich würde mich nicht als lautstark bezeichnen und ich glaube, andere würden das auch nicht über mich sagen. Das ist auch einfach nicht meine Art.

Stattdessen möchte er über Leistung führen. Auf dem Feld vorangehen, Entscheidungen treffen und mit Einsatz zeigen, was er von seinen Mitspielern erwartet.

Auch in Hildesheim will er Verantwortung übernehmen. Dass er gleichzeitig erst einmal in einer neuen Mannschaft ankommen muss, sieht er nicht als Widerspruch.

Ich finde, das eine schließt das andere nicht aus.

Der Spielmacher als Lösungsfinder

Seine Position passt zu dieser Art. Als Mittelmann muss Bahr Verantwortung übernehmen, Angriffe steuern und erkennen, wo sich Räume ergeben.

Für ihn ist ein guter Spielmacher vor allem ein Lösungsfinder. Er müsse erkennen, wie sich eine gegnerische Abwehr bespielen lässt, den richtigen Spielzug auswählen und wissen, welcher Mitspieler in welcher Situation eingesetzt werden sollte.

Leon Bahr soll das Spiel beim HC Eintracht lenken.

Bahr selbst sieht seine Stärken unter anderem in seiner Dynamik.

Ich würde sagen, dass ich recht schnell auf den Beinen bin, immer bis zum Umfallen laufe, ein gutes Eins-gegen-eins und einen guten Schlagwurf habe.

Dabei möchte er keinesfalls nur als Vorbereiter auftreten. Gerade die eigene Torgefahr sei für einen Spielmacher essenziell. Erst wenn die Abwehr den Mittelmann selbst ernst nehmen müsse, würden Räume für seine Nebenleute entstehen.

Das neue Hildesheimer Angriffsspiel gibt ihm gleichzeitig einen gewissen Freiraum. Zwar existiert ein taktisches Grundgerüst, das allen Spielern Sicherheit geben soll, innerhalb dieser Struktur dürfen Bahr und seine Mitspieler aber selbst Lösungen finden.

Am Ende ist es oft mir und der Mannschaft überlassen, wie wir dieses Gerüst nutzen. In diesem Rahmen kann ich vieles intuitiv und frei entscheiden.

Der nächste Schritt zum Führungsspieler

Genau darin liegt für Bahr nun die nächste Herausforderung. Er kommt nicht nach Hildesheim, um lediglich Spielzeit zu sammeln. Er möchte sich weiterentwickeln und mit der Mannschaft erfolgreich sein.

Ein einzelnes spielerisches Defizit, das er unbedingt beheben möchte, kann er dabei gar nicht benennen. Vielmehr sieht er seine Entwicklung als fortlaufenden Prozess.

Das größte Ziel steht dennoch fest:

Ich glaube, mein größtes Ziel ist einfach, in diese Rolle des Führungsspielers reinzuwachsen.

Die Voraussetzungen dafür bringt Bahr aus seiner bisherigen Laufbahn mit. Er hat früh sein gewohntes Umfeld verlassen, in Magdeburg Rückschläge und Verletzungen überwunden, als Kapitän Verantwortung übernommen und eine Mentalität kennengelernt, bei der ein Spiel erst mit der Schlusssirene beendet ist.

Nun beginnt für ihn in Hildesheim ein neues Kapitel. Eines, in dem er nicht mehr hauptsächlich Nachwuchsspieler sein soll, sondern Spielmacher einer Mannschaft mit großen Ambitionen. Und eines, bei dem das Ziel für Leon Bahr bereits klar formuliert ist: ganz oben angreifen.