Der sportliche Absturz des SV Einum kam für viele überraschend. Noch vor wenigen Jahren gehörte der Verein zu den Spitzenteams der Bezirksliga, wurde dreimal in Folge Vizemeister. In diesem Sommer folgte jedoch der große Umbruch: Fast die komplette erste Mannschaft verließ den Verein, eine Mannschaft wurde aufgelöst und künftig geht der SVE nur noch mit einer Herrenmannschaft an den Start.

Was auf den ersten Blick wie ein sportlicher Absturz aussieht, ist für Bernd Kirsch jedoch nur das Ergebnis einer Entwicklung, die sich über Jahre aufgebaut hat. Im ausführlichen Gespräch mit Sportnews Hildesheim erklärt der langjährige Verantwortliche und Vorstand, warum es so weit kommen musste, weshalb der Verein trotz der schwierigen Situation seinen Grundsätzen treu bleibt und warum er glaubt, dass viele kleinere Amateurvereine vor ähnlichen Herausforderungen stehen.

„Mich treibt als Verantwortlicher des SV Einum schon seit längerem der Gedanke um, als Vereinsführung die Sicht unserer Entwicklung der 1. Herren nicht nur aus sportlicher Sicht, sondern im Gesamtbild einmal darzustellen“, sagt Kirsch zu Beginn des Gesprächs. Die Konsolidierung der beiden Herrenmannschaften sei zwar bereits öffentlich geworden, doch die eigentlichen Ursachen gingen deutlich tiefer. „Dazu gibt es Gründe, Fakten und auch Entwicklungen, die nicht nur den SVE betreffen, sondern leider in vielen kleineren Vereinen zu beobachten sind und weitaus weitreichender sind als nur ein Abstieg aus der Bezirksliga.“

Der Anfang vom Ende

Dass der SV Einum den Klassenerhalt nicht schaffen würde, zeichnete sich für die Verantwortlichen schon frühzeitig ab. Vor allem die Winterpause wurde zu einem entscheidenden Wendepunkt.

„Die kurzfristige Entwicklung verschärfte sich nach der Winterpause. Wir waren mit drei Spielern im Gespräch, die als Verstärkung der Mannschaft sofort geholfen hätten. Da diese Spieler offensichtlich bessere Angebote hatten, die sie letztendlich angenommen haben, kam es nicht zu der erhofften Verstärkung. Die Mannschaft hat daraufhin zunehmend den Glauben am Klassenerhalt verloren und sich regelrecht aufgegeben. Als Vorstand war uns schon zu Ostern bewusst, wohin der Weg gehen wird und daraufhin haben wir uns intern schon mit dem Szenario beschäftigt.“

Für Kirsch begann die eigentliche Entwicklung jedoch deutlich früher. Der Abstieg sei letztlich die logische Konsequenz einer jahrelangen Entwicklung gewesen.

„Mittelfristig war der Abstieg das Ergebnis einer Logikkette. Der personelle Umbruch fing schon früher an. Es ging seit 2019 nur aufwärts mit der 1. Herren. Über Platz vier, dann Platz drei wurden wir 2022, 2023 und 2024 dreimal Vizemeister.“ Gerade diese erfolgreichen Jahre hätten später allerdings auch ihre Schattenseiten mit sich gebracht.

„Ausschlaggebend war der starke Substanzverlust in den letzten zwei Jahren. Es haben Schlüsselspieler den Verein verlassen, hier stellvertretend die Riebesell-Brüder Lars-Michel und Nils-Simon, die allein für 35 bis 40 Tore und damit mindestens 18 Punkte pro Saison gut waren. Oder Till Franzmann und Tim Neuenhoff. Dazu haben verletzungsbedingt Lennard Riemann und Dustin Sonnefeld aufgehört. Sie alle konnten nicht mit Perspektivspielern aus der Jugend oder aus der Kreisebene adäquat ersetzt werden.“ Der Qualitätsverlust habe sich unmittelbar auf die Mannschaft ausgewirkt.

„Dieser Qualitätsverlust führte bei den erfolgsverwöhnten Spielern zu Frust und Verdruss. In der letzten Saison hat die Mannschaft dazu nur schwer akzeptiert und verstanden, dass sie maximal nur noch Mittelmaß in der Bezirksliga ist. Ein möglicher Abstieg war auch in der letzten Saison schon spürbar und erst im Saisonendspurt gesichert. Das stetig fallende Stimmungsbarometer zog sich durch die gesamte letzte Spielzeit und war nach dem missglückten Saisonbeginn gleich wieder präsent.“

Die Brüder Lars-Michel (links) und Nils-Simon (rechts) gehörten zu den absoluten Leistungsträgern beim SV Einum. Foto: Gerhard Peisker

Warum fast die komplette Mannschaft ging

Nach dem Abstieg folgte schließlich der große personelle Umbruch. Nahezu die komplette erste Mannschaft verließ den Verein. Für Kirsch war das jedoch nicht allein auf den sportlichen Misserfolg zurückzuführen. „Wie zu Frage eins schon beantwortet, gehört sicher das stetig fallende Stimmungsbarometer dazu.“ Viel entscheidender sei gewesen, dass viele Spieler ihre eigene Leistungsfähigkeit falsch eingeschätzt hätten.

„Der Hauptgrund war aus meiner Sicht, zu glauben, dass die Erfolge aus den Jahren zuvor den Qualitätsmaßstab der Mannschaft widerspiegeln. Die Mannschaft hat sich aufgrund der vorherigen Erfolgsjahre schwer getan, in den Abstiegskampfmodus zu schalten und sich als Gesamtkader etwas überschätzt.“

Besonders schmerzhaft sei gewesen, dass einige Leistungsträger ihre Entscheidung zum Vereinswechsel früh getroffen hätten und damit eine Dynamik ausgelöst hätten, die kaum noch aufzuhalten gewesen sei.

„Die guten Spieler – ich meine damit fünf Spieler, die gutes Bezirksliga-Niveau haben – flüchteten schon frühzeitig in ihre Entscheidung, den Verein zum Saisonende zu verlassen oder in die Alte Herren zu wechseln. Weitere Spieler ließen sich davon anstecken, indem sie sagten: ‚Wenn der geht, dann gehe ich auch.‘ Somit entstand eine Sogwirkung, der dann auch die verbliebenen Spieler verfielen.“ Kirsch glaubt sogar, dass einige Spieler eigentlich gern geblieben wären.

„Womöglich hätten einige weiter für den SV Einum gespielt, aber leider nicht die Courage gehabt und sind den einfachen Weg gegangen, zu sagen, dass sie keine Perspektive sehen, weil der und derjenige auch nicht im Verein bleibt. Es folgte somit eine Kettenreaktion, die Mannschaft verlassen zu wollen.“ Besonders enttäuscht zeigte sich der Vorstand über die Begründungen vieler Spieler.

„Die meisten Spieler sagten uns gegenüber, sie wollten weiterhin in der Bezirksliga spielen. Das ist legitim, jedoch sehe ich bei mehreren Spielern eine gewisse Selbstüberschätzung, in anderen Bezirksliga-Vereinen überhaupt eine Chance auf einen Stammplatz zu haben.“ Noch schwerer wiegt für ihn jedoch eine andere Entwicklung.

„Es mangelte in fast allen Bereichen an Bereitschaft und Willen, alles für die Mannschaft und den Verein zu geben. Für die jungen Spieler tut es mir leid, denn für sie war es ein schwieriges Umfeld, sich in diesem Umfeld zu entwickeln und sich in den Seniorenbereich hineinzuarbeiten.“ Hinzu sei gekommen, dass die Verantwortung immer häufiger bei anderen gesucht worden sei.

„Fehler wurden gern bei anderen gesucht. Seien es die anderen Spieler, die nicht genug performt haben, die Trainer, die falsch aufgestellt oder die falsche Spieltaktik gewählt haben oder der Vorstand, der angeblich ein falsches Händchen mit Thomas Bajgier bei der Trainerwahl hatte.“ Auch auf dem Platz sei diese Entwicklung sichtbar geworden.

„Dazu kam die immer weiter fortschreitende Bereitschaft, sich gegen die Niederlagen aufzubäumen. Was mit der Trainingsbeteiligung anfängt und sich mit der Spieleinstellung fortsetzte. Sobald die Mannschaft in Rückstand geriet, hat man in den Gesichtern gesehen, dass die Jungs selber keinen Glauben hatten, ein Spiel zu drehen.“

Musste nach kurzer Zeit wieder gehen. Ex-Einum-Coach Thomas Bajgier.

Die erste Mannschaft verschwindet – die zweite übernimmt

Nachdem nahezu die komplette erste Mannschaft ihren Abschied angekündigt hatte, stand der SV Einum vor einer existenziellen Frage: Wie geht es überhaupt weiter? Die Lösung war ungewöhnlich, allerdings nicht freiwillig.

„Die Entscheidung lag ja nicht wirklich in unserer Hand. Sie wurde uns quasi von den NFV-Statuten vorgegeben. Steigt die 1. Mannschaft ab, darfst du sie nicht ohne Weiteres abmelden und mit der 2. Mannschaft weiter in der Kreisklasse spielen. Die 2. Mannschaft muss den Platz der 1. Herren übernehmen. Der Verein muss die unterklassigen Mannschaften auflösen, auch wenn faktisch die erste Mannschaft nicht mehr existiert.“

Vor einer besonderen Herausforderung stand der Vorstand deshalb im Austausch mit den Spielern der bisherigen zweiten Mannschaft.

„Intern war es natürlich eine Herausforderung, alle Spieler der 2. Mannschaft davon zu überzeugen, in der neuen Saison zwei Klassen höher zu spielen. Das stieß nicht sofort bei jedem auf Gegenliebe, da einige sich selbst gut reflektierten und wissen, dass sie eigentlich nicht das Zeug für mehr als Kreisklasse haben, statt Kreisliga zu spielen.“

Umso größer sei der Respekt vor der Reaktion der Mannschaft gewesen.

„Insgesamt sind wir als Vorstand aber sehr stolz auf die Reaktion der 2. Mannschaft, die uns direkt signalisierten, den Verein in dieser Situation nicht im Stich zu lassen. Von diesen Typen hätten wir uns gern mehr aus der 1. Herren gewünscht.“

Ein schmerzhafter Einschnitt für den gesamten Verein

Die Folgen der Entwicklung seien längst nicht nur sportlicher Natur. Gerade für einen vergleichsweise kleinen Verein wie den SV Einum habe das Verschwinden der ersten Herrenmannschaft enorme Auswirkungen.

„Wir sind ein ziemlich kleiner Verein, der überwiegend von der Fußballsparte lebt und profitiert. Da ist so eine Situation natürlich im gesamten Verein spürbar. Der Zeitpunkt ist mehr als bedauerlich, genau in unserem 80-jährigen Vereinsjubiläum die 1. Herren zu verlieren.“ Auf die Charakterfrage der ehemaligen Spieler wolle er dabei bewusst nicht weiter eingehen.

„Das Ehrenamt ist davon weniger betroffen, aber der Stachel der Enttäuschung sitzt bei den Vereinsverantwortlichen schon tief.“ Auch die Fans hätten die Entwicklung kommen sehen.

„Unsere treuen Fans haben ein gutes Gespür für die Situation. Sie haben schließlich jeden Sonntag gesehen, was die Spieler auf den Platz gebracht haben. Die Fans dürfen die Situation auch wesentlich emotionaler betrachten und sich dazu äußern. Als Vorstand versuchst du trotz der Enttäuschung objektiv die Situation zu analysieren und deine Optionen zu bewerten.“ Genau das habe der Vorstand getan.

„Wir haben eine ziemlich starke Entschlossenheit im Vorstand entwickelt, das Beste für den Verein zu erreichen.“ Dabei hebt Kirsch insbesondere das Engagement des neuen Trainerteams hervor.

„Als zukünftiges Trainerteam hat Kevin Gisa unzählige Gespräche mit Spielern geführt und dabei einen beharrlichen Optimismus versprüht, der bemerkenswert ist. Jerome Bürkle wird als Trainer der 2. Herren das Trainerduo mit Kevin stellen. Er hat ebenso intensive Überzeugungsarbeit bei seinen Spielern der ehemaligen 2. Herren geleistet. Der Optimismus der beiden hat uns auch im Vorstand überzeugt, dass wir diesen Weg mit einer Mannschaft gehen werden.“ Dennoch müsse der Verein künftig mit Nachteilen leben.

„Leid tut es uns, dass wir für unsere Zuschauer nun nur noch jeden zweiten Sonntag ein Heimspiel anbieten können. Für den Verein sind das natürlich auch finanzielle Einbußen, sowohl was die Anzahl der Spiele betrifft, als auch die Zuschauerzahlen als solche.“

Kevin Giesa (links) und Jerome Bürkle (rechts).

„Das ist kein Einzelfall“

Für Kirsch geht die Entwicklung des SV Einum weit über den eigenen Verein hinaus. „Die Entwicklung in Einum ist sicher speziell, wenn man sich anschaut, wie es zu diesem radikalen Verlust einer gesamten Mannschaft gekommen ist. Doch grundsätzlich gibt es sicher verschiedene Gründe, die so oder ähnlich auch andere Vereine treffen können.“ Vor allem die Mentalität vieler Spieler habe sich verändert.

„Spieler streben heutzutage mehr nach persönlichem Erfolg, als vielleicht den des Vereins zu sehen. Die Wechselbereitschaft der Spieler hat aus meiner Wahrnehmung deutlich zugenommen.“ Gerade Spieler, die bereits einmal den Verein gewechselt hätten, würden dies später deutlich leichter erneut tun.

„Kommst du aus dem Ort deines Vereins, mag die Hürde eines Wechsels sicher etwas größer sein, weil schon die Väter, Brüder und andere dort gespielt haben. Doch haben die Spieler erst einmal einen Vereinswechsel vollzogen, dreht sich das Wechselkarussell danach umso leichter.“ Eine zusätzliche Rolle spiele aus seiner Sicht die zunehmende Bezahlung im Amateurfußball.

„Das persönliche Erfolgsdenken bekommt nochmal eine andere Gewichtung, wenn Vereine sich entscheiden, den Spielern eine gewisse Aufwandsentschädigung zu zahlen. Die Bandbreite ist von Tankgutscheinen, Handgeld und Punktprämien beliebig erweiterbar.“ Dass der SV Einum diesen Weg nie gegangen sei, darauf sei man bis heute stolz.

„Man hat uns ungläubig angeschaut, als wir in unseren erfolgreichen Jahren immer wieder bestätigt haben, dass es in unserem Verein keinerlei Zuwendungen gab. Das ist auch heute noch so. Sonst wäre es ein Leichtes gewesen, die Spieler mit Geld zum Bleiben zu bewegen oder sich auf dem Markt mit finanziellen Angeboten einen Kader zusammenzustellen.“ Den Preis dafür nehme der Verein bewusst in Kauf.

„Doch da wir im SV Einum schon seit jeher diesen Weg nie gehen wollten, tragen wir jetzt auch ein Stück weit die Konsequenz. Doch das tun wir aus Überzeugung und solange ich im Vorstand Einfluss habe, ändert sich das auch nicht.“ Auch mit Blick auf den Landkreis erkennt Kirsch deutliche Veränderungen.

„Wenn man sich die Fußballlandkarte im Kreis anschaut, sehe ich schon einen Strukturwandel bei den Vereinen. Vereine wie VfB Bodenburg, DSC Duingen, Eintracht Ottbergen oder SC Asel sind auf Spielgemeinschaften angewiesen oder mehr oder weniger unbedeutend in den unteren Spielklassen verschwunden.“ Doch auch größere Vereine hätten inzwischen Probleme. „Auch ein großer Stadtteilverein wie Itzum hat es schwer, sich auf höherem Spielklassenniveau zu etablieren.“ Besonders auffällig sei die Entwicklung im gesamten Landkreis.

„Es ist schon auffällig, dass auf der Bezirksebene der gesamte Ostkreis Hildesheims keine Mannschaft stellt. Dasselbe gilt auch für den Westen Hildesheims. Der gesamte Süden der Stadt Hildesheim ist nur noch durch drei Vereine vertreten: Alfeld, Almstedt und Ambergau/Bockenem. Gemeinden wie Nordstemmen, Elze, Holle-Grasdorf, Schellerten und Söhlde sind seit Jahren nicht mehr im Bezirk vertreten.“ Für Kirsch sei auch der wirtschaftliche Hintergrund kein Zufall.

„Die Konsolidierung beschränkt sich auf die Stadt Hildesheim selber und die nördlichen Vereine. Dass das ein Spiegelbild zur wirtschaftlichen Strukturstärke im Landkreis Hildesheim bildet, halte ich inzwischen nicht mehr für zufällig.“

Vereine müssen sich verändern

Trotz der schwierigen Entwicklung sieht Bernd Kirsch durchaus Möglichkeiten für kleinere Vereine, langfristig zu bestehen. Entscheidend sei dabei, dass Vereine bereit seien, gesellschaftliche Veränderungen zu erkennen und darauf zu reagieren.

„Man kann diesen strukturellen Wandel aufhalten, wenn du ein starkes Team im Verein beziehungsweise für die Mannschaft hast.“

Dabei müsse sich allerdings auch das Verständnis vieler Spieler verändert haben. Kirsch sieht eine Entwicklung, bei der die Ansprüche an Vereine deutlich gestiegen sind.

„Die Spieler sind heute oftmals kleine Diven. Da geht die Erwartung über einen Co-Trainer weit hinaus. Heute brauchst du zusätzlich einen Torwarttrainer, einen Physiotherapeuten, jemanden, der sich um das Trikotwaschen kümmert, zu weiten Auswärtsfahrten wäre es doch toll, wenn der Verein einen Bus zur Verfügung stellt.“

Gleichzeitig fehle es dann aber häufig an der Bereitschaft, selbst Verantwortung zu übernehmen.

„Aber wenn mal die Frage nach Platzarbeiten kommt, bist du froh im Verein, wenn sich fünf Spieler zusammenfinden.“

Für Kirsch handelt es sich dabei um eine gesellschaftliche Entwicklung, die nicht nur den Fußball betrifft.

„Das sind gesellschaftliche Verschiebungen, die nicht nur den Fußballsport betreffen. Natürlich gibt es da Ausnahmen, wo gern und auch viel mit angepackt wird, doch ich spreche von Tendenzen der jüngeren Spielergeneration, die sich mehr selbst sieht als ihr Umfeld.“

Gerade kleine Vereine hätten dadurch einen Nachteil.

„Da haben es Vereine mit einer größeren Diversität sicher einfacher als kleine Vereine wie der SV Einum.“

Fußball konkurriert mit anderen Lebensbereichen

Eine der größten Herausforderungen für kleinere Vereine sei laut Kirsch die veränderte Lebensplanung vieler junger Menschen.

„Als Herausforderung sehe ich, dass du heute den Spielern in irgendeiner Weise etwas bieten musst. Nur ein grüner Rasen und tolle Stadionnetze reichen nicht mehr aus. Die Gewohnheiten haben sich aus meiner Erfahrung signifikant geändert.“ Dabei spiele vor allem der Bildungsweg eine Rolle.

„Die Beobachtung zeigt, dass junge Menschen heute immer mehr ein Studium wählen als eine Berufsausbildung. Damit ist die Verfügbarkeit der Spieler schon geringer, da oft in anderen Städten studiert wird.“ Der Unterschied zu früher sei deutlich.

„Früher waren zehn berufstätig, zwei bei der Bundeswehr und drei am Studieren. Heute kehrt sich das Studium zum Beruf um.“ Auch die Bedeutung von Familie und Freizeit habe sich verändert.

„Der Einfluss der Familie ist stärker als früher. Die Partnerinnen und Partner akzeptieren noch das Fußballspielen, bei der dritten Halbzeit nach dem Spiel wird es mit der Akzeptanz oftmals schon eng.“ Fußball habe heute nicht mehr automatisch die höchste Priorität.

„Der Stellenwert des Fußballspiels konkurriert heutzutage viel stärker mit anderen Aktivitäten. Da wird sich schon mal zum Spiel abgemeldet, weil die Gartenparty mit der Freundin wichtiger ist. Wenn früher die Verwandtschaft besucht wurde, warst du auf jeden Fall pünktlich zum Treffpunkt am Sonntag wieder zurück. Heute fehlt der Spieler halt, weil er das Wochenende wegfährt.“ Sein Fazit:

„Fußball ist heute noch schön, aber nicht mehr um jeden Preis.“

Auch die Corona-Zeit habe laut Kirsch ihren Anteil an dieser Entwicklung gehabt.

„Die Coronazeit hat sicher auch mit dazu beigetragen. Individualsport rückt mehr in den Fokus. Eigene Entscheidungsfreiheit statt verbindliche Trainingszeiten. Eigenbedürfnisse verdrängen gelebte Teamzugehörigkeit.“

Neue Wege für den Verein

Um langfristig bestehen zu können, müsse ein Verein neue Wege gehen. Beim SV Einum sei dies unter anderem mit der Gründung einer Dartsparte geschehen.

„Ich denke, als Verein musst du Trends beobachten, die sich entwickeln. Klassisch funktionierte das vor 40 Jahren mit dem Tennisboom durch Boris Becker und Steffi Graf. Heute ist Dart stark angesagt.“ Seit drei Jahren gibt es beim SV Einum eine eigene Dartsparte.

„Dart ist populär und spricht junge wie auch ältere Mitglieder an. Das hilft der Fußballsparte nur wenig, dem Verein im Allgemeinen jedoch schon. Unsere Gaststätte profitiert davon genauso, wie dem Verein Mitglieder zu binden und zu akquirieren.“ Auch von Verbänden wünscht sich Kirsch Unterstützung – allerdings vor allem durch mehr Augenmaß.

„Verbände können nur indirekt dazu beitragen. Sie stellen Leitplanken, die du als Verein brauchst. Wünschenswert wäre hier jedoch mehr Fingerspitzengefühl bei der Auslegung von formalen Richtlinien.“ Natürlich brauche es Regeln, doch die Umsetzung dürfe kleinere Vereine nicht überfordern.

„Wenn ich mit Auflagen kleine Vereine immer mehr an organisatorische Grenzen bringe, wird es schwierig.“ Als Beispiel nennt Kirsch die Vorgaben im Spielbetrieb.

„Wenn in der Kreisklasse Vereinen mit Strafe gedroht wird, weil nicht die erforderlichen vier Platzordner gestellt wurden, bei einem Spiel, das weniger Zuschauer hat als Spieler auf dem Platz, dann halte ich so eine Auslegung für sehr bürokratisch.“ Dabei wolle er die grundsätzliche Problematik nicht kleinreden.

„Zuschauertumulte, pöbelnde Fans sind ernsthafte Themen ohne Frage. Aber wenn ich einem Rentner eine Ordnerbinde um den Arm lege, habe ich an der Kernthematik nichts geändert.“ Die Kommunen sieht Kirsch dagegen weniger in der Pflicht.

„Kommunen sehe ich weniger in der Pflicht, deren Ressourcen sind dermaßen begrenzt, dass selbst wenn der Wille da wäre, die verfügbaren Mittel und Kapazitäten anderweitig verwendet werden müssen.“ Ein großes Problem seien vor allem fehlende Möglichkeiten kleiner Vereine.

„Grundsätzlich glaube ich im Bezug auf die Wettbewerbsfähigkeit, dass die kleinen Vereine mit geringer Infrastruktur, denen zum Beispiel eine Turnhalle fehlt, um zusätzliche Sportarten anzubieten, es zunehmend schwer haben, sich zu behaupten.“ Denn entscheidend seien Faktoren, die sich nicht erzwingen lassen.

„Notwendiges Ehrenamt, Sponsoring und ausreichend Übungsleiter im Jugendbereich kannst du nicht erzwingen. Ohne entsprechende Bereitschaft zur Umsetzung hast du vielmehr die Gefahr, dass die wenigen, die sich engagieren, irgendwann auch ausgebrannt sind.“

Der Neustart soll ein Zeichen setzen

Trotz des schwierigen Sommers blickt Kirsch positiv auf die kommende Saison. Der Neustart mit nur einer Herrenmannschaft habe bereits etwas bewirkt.

„Der Neustart hat auf jeden Fall das Wir-Gefühl gestärkt. Es hat unmissverständlich aufgezeigt, dass ein Verein nur überleben kann, wenn er auch gelebt wird.“ Die neue Mannschaft sei hochmotiviert.

„Die Spieler und das Team drumherum sind hochmotiviert. Vielleicht auch um zu zeigen: Jetzt erst recht!“ Für den Vorstand sei diese Entwicklung ein positives Signal.

„Das zu beobachten und zu begleiten macht mich und den Vorstand stolz. Natürlich wünschen wir uns durch diese Aufbruchstimmung einen Effekt. Den zu bewerten, dafür ist es aktuell noch zu früh.“ Die ersten Eindrücke stimmen jedoch.

„Die Trainingsbeteiligung ist hervorragend, die Mannschaft kann sich unserer Unterstützung gewiss sein und die Fans wollen einfach sehen, dass die Mannschaft gewillt ist und auch für den Verein alles gibt. Da ist die Spielklasse sekundär.“ Der Schlüssel sei der Zusammenhalt.

„Ein guter Zusammenhalt ist das Fundament. Die positive Stimmung hat Charakter, das Umfeld mitzureißen. Und wenn die Mannschaft wieder der Star wird, dann ist einiges möglich.“ Ein nachhaltiger Wiederaufbau bleibe allerdings eine Herausforderung.

„Ein nachhaltiger Aufbau ist natürlich schwer, da eine weitere Mannschaft natürlich einen entsprechenden Kader benötigt. Da helfen einzelne Spielerzugänge kurzfristig erstmal wenig.“ Hoffnung macht dem Verein dabei ein neues Baugebiet in unmittelbarer Nähe.

„In direkter Nachbarschaft zum Sportverein entsteht gerade ein neues Baugebiet. Vielleicht können wir von den neuen Familien, die hinzuziehen, als Verein partizipieren. Wir werden auf jeden Fall alle möglichen Optionen in Erwägung ziehen.“

Keine schnelle Lösung durch eine Spielgemeinschaft

In den vergangenen Monaten gab es immer wieder Gerüchte, dass der SV Einum gemeinsam mit dem RSV Achtum eine Lösung suchen könnte. Für Kirsch ist dieses Thema grundsätzlich nicht ausgeschlossen, aktuell aber kein konkretes Szenario.

„Im Frauen- und Altherrenbereich haben wir ja schon eine Spielgemeinschaft. In der Jugend arbeiten wir seit Jahren kooperativ zusammen.“ Auch im Herrenbereich hätten solche Überlegungen grundsätzlich ihre Berechtigung.

„Natürlich haben diese Überlegungen auch im Herrenbereich ihre Berechtigung. Uns war es erst einmal wichtig, nach dieser turbulenten Saison wieder Ruhe in den Verein zu bekommen.“ Derzeit gebe es genug andere Aufgaben.

„Mit den vielen Unwägbarkeiten, wer wird Trainer, welches Gesicht hat die Mannschaft, haben wir ausreichend Aufgaben zu erfüllen und zu erledigen.“ Grundsätzlich sieht Kirsch Fusionen kritisch.

„Eine Fusion ist oftmals keine Liebesheirat, sondern eine Zweckgemeinschaft.“

Aktuell sieht der RSV Achtum laut Kirsch ebenfalls keine Notwendigkeit.

„Der RSV Achtum sieht dazu aktuell keine Notwendigkeit und wir sind hochmotiviert, unseren Jungs, die dem Verein die Treue halten, die Chance zu geben, zu zeigen, was sie drauf haben.“

Für ihn ist klar: Der SV Einum will den eigenen Weg gehen.

„Die Spieler wollen auch ihren Beitrag dazu leisten. In welche Richtung unser Neubeginn geht, werden letztendlich die Spiele zeigen.“